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Carnegie Stiftung für Lebensretter Deutschland

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Donnerstag, 23 Mär 2017
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Das auslösende Moment


Als 1904 in Harwick, Pittsburgh, bei einem Minenunglück 178 Arbeiter umkamen, wurde Andrew Carnegie auf den mutigen Einsatz eines Mineurs und eines Ingenieurs aufmerksam. Die beiden hatten im Bewußtsein der Einsturzgefahr des Bergwerks das Leben zahlreicher Verschütteter gerettet. Beeindruckt von diesen "heldenmütigen Taten" gründete er in der Folge in elf Ländern - darunter auch in Deutschland - Stiftungen zur Auszeichnung selbstloser Personen, die ihr Leben einsetzen, um das ihrer Mitmenschen zu retten.

 

Fonds für "Helden der Zivilisation" weltweit Carnegie Hero Trust Funds gibt es in folgenden Staaten:

 

Land gegründet Stammeinlage
USA 1904 5,00 Mio US$
Grossbritannien 1908 1,25 Mio US$
Frankreich 1909 1,00 Mio US$
Deutschland 1910 1,50 Mio US$
Norwegen 1911 125 000 US$
Niederlande 1911 200 000 US$
Schweden 1911 230 000 US$
Dänemark 1911 125 000 US$
Belgien 1911 230 000 US$
Italien 1911 750 000 US$
Schweiz 1911 130 000 US$



Geschichte der Stiftung in Deutschland (Auszüge)


Mit Schreiben vom 22. September 1910 an den Deutschen Kaiser wurde die Gründung der Stiftung von Andrew Carnegie persönlich angeregt und unter dem Protektorat des damaligen Kaisers verwirklicht.

Hierzu heißt es in einem Kaiserlichen Erlass: "Mit dem von The Honourable Andrew Carnegie zur Verfügung gestellten Kapital von 1,25 Millionen Dollar wurde unter dem Namen "Carnegie Stiftung für Lebensretter" eine Stiftung errichtet, über welche Seine Majestät der Deutsche Kaiser und König von Preußen das Protektorat zu übernehmen die Gnade haben wollen." Am 17. Dezember 1910 wurde von Andrew Carnegie die Gründungssatzung unterzeichnet und am 31.12.1910 wurde die Stiftungserrichtung durch nachfolgend aufgeführtes Schreiben vollzogen. "

 

Auf den Bericht vom 29.Dezember 1910 will Ich der von Herrn Andrew Carnegie mit einem Kapital von 1,25 Millionen Dollar unter dem Namen "Carnegie Stiftung für Lebensretter" in Berlin begründeten milden Stiftung hierdurch auf Grund der zurückfolgenden Satzung vom 17. Dezember 1910 Meine landesherrliche Genehmigung erteilen. Gez. Wilhelm R."


Durch Schreiben vom 21. Mai 1912 teilte Andrew Carnegie mit "daß er beabsichtige ein weiteres Kapital von 250.000 US Dollar zu überweisen". Dieses geschah im August 1912, so daß die Kapitalausstattung der Stiftung nunmehr 1,5 Mio. $ betrug.


Zeittafel bis 1911:


22.09.1910 Andrew Carnegie schreibt an Kaiser Wilhelm II., über seinen Plan, auch in Deutschland eine gemeinnützige Stiftung für Lebensretter zu gründen

31.10.1910
Antwort von Wilhelm II in welcher er seine Begeisterung und aktive Unterstützung für diese noble Idee kundgibt

17.12.1910
Andrew Carnegie zeichnet persönlich die Satzung der "Carnegie Stiftung für Lebensretter", über die der Kaiser die Schirmherrschaft inne hat

31.12.1910
Wilhelm II genehmigt die Stiftungsgründung und setzt die Stiftungssatzung in Kraft (Satzung 1910) und (Gründungsbrief Andrew Carnegie)

13.01.1911 Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg informiert alle Dienststellen des Kaiserreiches und der Länder über die Errichtung der Stiftung und ersucht um Kooperation aller Dienststellen

20.01.1911 Erstes Treffen des Stiftungskuratoriums und des Vorstands

 

 

Protektor und oberstes Stiftungsorgan

Kaiser Wilhelm II.2

 

Vorstand

Vorsitzender Rudolf von Valentini, (Vorsitzender bis 06.02.1918), Geheimer Kabinettsrat, Chef des Geheimen Zivilkabinetts, Vizepräsident des Staatsministeriums und Staatssekretär des Innerern [amtierender stellv. Reichskanzler]



Friedrich von Berg (Vorsitzender bis 16.10.1918)



Clemens Gottlieb Ernst von Delbrück (Vorsitzender ab 17.10.1918), Vizepräsident des Staatsministeriums und Staatssekretär des Innern, Mitglied des Herrenhauses (Preussischen Parlaments) [amtierender stellv. Reichskanzler]



Stellv. Vorsitzender Hugo Max Graf von und zu Lerchenfeld auf Köfering und Schönberg, Königlich Bayerischer Gesandter und Minister, [späterer Bayer. Ministerpräsident]


Geschäftsführer
Dr. von Strempel, Vortragender Rat im Geheimen Zivil-Kabinett

Vize Geschäftsführer

Herr Roedenbeck, Vortragender Rat im Ministerium des Innern

 

Schatzmeister
Ludwig Delbrück, Bankier, Leiter der Bank Delbrück Leo & Co (sein Vater war Gründer der Deutschen Bank)

 

 

Sitz der Stiftung

 

Der Sitz der Stiftung in Berlin war identisch mit dem des Geheimen Zivilkabinett. Dies war das persönliche Regierungsbüro des preußischen Königs und deutschen Kaisers. Seine Aufgabe und die politische Funktion ist vergleichbar mit dem des heutigen Bundespräsidialamtes, als dessen Vorläufer es historisch angesehen werden kann.  Seit 1903 hatte das "Geheime Zivilkabinett seiner Majestät des Kaisers und Königs" einen Neubau in der Wilhelmstraße 64 in Berlin bezogen.

 

Die enge Anbindung der Stiftung an das Regierungssystem der Kaiserzeit wird nicht nur durch die Tatsache verdeutlich, das die Carnegie Stiftung in den Räumen des Geheimen Zivilkabinett residierte, von dort erfolgte auch die Lenkung und Verwaltung der Stiftung, außerdem waren die Beschäftigten des Zivilkabinetts vom Kaiser beauftragt worden, die Belange der Stiftung "zu besorgen", d.h. diese in Personalunion mit zu verwalten.


Eine ähnliche Konstruktion findet sich heute noch bei der Carnegie Lebensretter Stiftung in Italien oder Frankreich (Teil des Innenministeriums) oder in Belgien, wo die Carnegie Stiftung unter Königlichen Protektorat steht und die Auszeichnungen, ähnlich wie in Deutschland, staatliche Auszeichnungen des regierenden Monarchen sind.

 

 

Struktur und Leitung des Zivilkabinetts

 

Es bestand aus dem Chef (mit dem Prädikat "Exzellenz"), einem "Geheimen Kabinettsrat", zwei "Geheimen Kabinettssekretären" und zehn "Geheimen Registratoren".

Der Leiter des Zivilkabinetts war für den Geschäftsgang zwischen der Reichsregierung und dem Kaiser sowie den Bundesstaaten und den angeschlossenen Dienststellen verantwortlich.

Die Leiter der Zivilkabinette waren:
- 1870 - 1888 Karl von Wilmowski
- 1888 - 1908 Hermann von Lucanus
- 1908 - 1918 Rudolf von Valentini 
- 01/1918 - 10/1918 Friedrich von Berg
- 10/1918 - 11/1918 Clemens von Delbrück



Gebäude des Geheimen Zivilkabinetts in Berlin, heute Sitz des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), Hausnummer aufgrund von Kriegseinwirkungen jetzt Nummer 54 statt 64, Aufnahme aus dem Jahr 2007

 

 

Kuratorium


- Herr Albert, vortragender Rat im Reichsamt des Innern
- Herr Büxenstein, Geheimer Kommerzienrat
- Herr Fleck, Unterstaatssekretär
- Herr Prof. Dr. Kirchner, Ministerialdirektor im Ministerium des Innern
- Herr Richard C. Krogmann, Vorsitzender der See-Berufsgenossenschaft, Reeder

 


(Foto: Richard C. Krogmann)

- The Honourable Leishman (Embassador of the USA)
- Herr von Velsen, Oberberghauptmann im Ministerium für Handel und Gewerbe

In der darauf folgenden Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkrieg, hatte die Stiftung durchschnittlich bis zu 100 Ehrungen pro Jahr. Neben einmaligen Beihilfen und Rentenzahlungen wurde auf Beschluss des Kuratoriums vom 27.02.1913 eine Rettungsmedaille mit dem Porträt von Andrew Carnegie verliehen. Die Vorderseite der Medaille ist das heutige Logo der Stiftung.

Die Medaille geht auf eine Anregung von Andrew Carnegie zurück. Der Schriftwechsel sowie das Archiv aus der Kaiserzeit befinden sich mittlerweile wieder im Besitz der Stiftung.

Dank der Genehmigung des Schirmherren der Stiftung, Kaiser Wilhelm II und der Protektion der Kanzler, war diese Medaille von den Bundesstaaten staatlich anerkannt. Sie wurde gestaltet von Herrn Professor Paul Sturm, Medailleur der Königlichen Münze, Preußen.

Die Wirren des 1. Weltkrieges und die damit einhergehende Inflation sorgten für eine Fortführung der Stiftungsarbeit auf sehr niedrigem Niveau. Erst 1930 gingen die Stiftungsaktivitäten im großen Umfang weiter. 1934 erfolgte dann eine weitere "Reorganisation" unter dem Naziregime. Ab 1939 riss der Kontakt zur Stiftung in Deutschland völlig ab, der regimetreue Vorstand antwortete auf keinen Kontaktversuch der anderen 22 Stiftungen mehr, der Kontakt zur Andrew Carnegie Group blieb für immer verloren.

Nachforschungen im Rahmen der Wiedergründung förderten erstaunliches zu Tage, so hatte nicht nur der in der Nazi Zeit "amtierende" Vorstand das Archiv der Stiftung rechtwidrig vernichtet, auch war die Stiftung im Nachkriegsberlin, schon zu Zeiten der Bundesrepublik (!) in einer dubiosen Nacht- und Nebelaktion aufgelöst worden. Dieser Vorstand, der bereits im "3. Reich" den Machthabern willig diente, wurde dann im Nachkriegsberlin vom Berliner Senat zum Not-Vorstand bestellt und durfte ohne Genehmigung der Andrew Carnegie Group und der Carnegie Familie die Stiftung in einer Nacht und Nebelaktion auflösen.

Als "Schmankerl" hat dieser staatstragende Vorstand, dann das Vermögen dem Land Berlin übergeben, anstatt es der Carnegie Group treuhänderisch zu überlassen. Tatsachen, die der US Zentrale erst 2005 durch unsere Recherchen bekannt wurden.


Der Versuch eines Neubeginns 2005/2006


Internationale Vertreter der verschiedenen Carnegie Stiftungen für Lebensretter (Hero Funds) anlässlich Ihres Treffens am 05.10.2005 im Rathaus von Edinburgh, Schottland


Von links, Dr. David Fraser (U.K.), Carol Word (U.S.A.), Mark Laskow (U.S.A), Hans-Ruedi Hübscher (Schweiz), Helen MacDonald (U.K.), Angus Hogg (U.K.), Andreas Huber (Deutschland), Linda Brown (U.K.), Nora Rundel (U.K.), Åsa Kastman Heuman (Schweden), Agneta Ahlbeck (Schweden), Douglas Chambers (U.S.A.), Graf Gustaf Taube (Schweden) und Douglas Scott (U.K.)     

Neben dem Erfahrungsaustausch und Berichten der einzelnen Stiftungen über ihre Arbeit und Leistung, stand auch die geplante Wiederaufnahme der Stiftungsarbeit in Deutschland auf der Tagesordnung. Herr Huber, Treuhänder für Deutschland, erläuterte das Vorhaben und bat die anwesenden Stiftungsvertreter um deren Einverständnis zu den geplanten Schritten.

Als besonderes Zeichen des Vertrauens wertete es Huber, daß einstimmig von den Schwesterstiftungen die Aufforderung an Ihn erging, im Geist von Andrew Carnegie die erforderlichen Maßnahmen zu leiten, um den Wiederaufbau der Stiftung in Deutschland zu vollziehen.

Angespornt durch diese ehrenvolle Mission, hatte Herr Huber als Treuhänder mit der Vorbereitung der Wiederherstellung der Stiftungsorgane (Vorstand und Kuratorium) und der vorsichtigen Anpassung der Satzung aus dem Jahr 1910 (Satzung 1910) an heutiges Recht unter Beachtung der Grundsätze des Stifters begonnen.

Bereits am 15.04.2006 war es dann soweit,in Mannheim fand die Wiedergründung der Carnegie Stiftung für Lebensretter statt. Der 15.04. war ganz bewusst gewählt worden, war es doch am 15.04.1904, daß die erste Stiftung für Lebensretter überhaupt, nämlich der Hero Fund in den Vereinigten Staaten von Amerika, Genehmigung fand. Die Carnegie Stiftung Deutschland e.V. musste 2009 Insolvenz anmelden. Das ursprüngliche Ziel des Vereins - eine Stiftung gemäß BGB zu gründen - konnte nicht erreicht werden.

 

Neubeginn 2011

 

Die Markenrechte und das verbleibende Inventar wurde von der WICOM Germany GmbH vom Insolvenzverwalter gekauft, um es so vor dem erneuten Untergang zu retten. Seitdem betreiben wir mit der WICOM die Wiedergründung der Stiftung. Die Stiftung wird dann wieder, wie in den anderen Ländern, Lebensretter ehren und arbeitet eng mit den Stiftungen in den anderen Ländern zusammen, insbesondere mit der Schweiz.