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Carnegie Stiftung für Lebensretter Deutschland

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Freitag, 28 Jul 2017
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Goldmedaille für einen Lebensretter


Auszeichnung: Carnegie-Stiftung ehrt ehemaligen Wehrmachtsmajor Karl Plagge – „Er ist Mahnung für unser Verhalten“ Bild (Metafile)Als zwei seiner Zwangsarbeiter durch Exekution von der SS bedroht waren, griff Karl Plagge ein. Er sagte dem SS-Offizier zu, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Doch statt sie zu bestrafen, ließ er die Männer in eine Baracke führen und heftiges Auspeitschen vorspielen – durch Gertenschläge auf einen Tisch und lautes Schreien.

Diese Episode aus dem Wirken des Wehrmachtsmajors während der Nazi-Diktatur führte Generalmajor Klaus-Peter Treche gestern als ein Beispiel an für Plagges menschliches Handeln inmitten eines unmenschlichen Systems. „Er arbeitete nicht am Sturz des Regimes“, betonte Treche. „Aber er nutzte seinen Handlungsspielraum als Offizier, um im Rahmen seiner Möglichkeiten die Schrecken der Zeit zu mildern und hunderte Menschenleben zu retten.“

Fast zwei Jahre nach Umbenennung der Starkenburg- in Major-Karl-Plagge-Kaserne wurde der 1897 in Darmstadt geborene Wehrmachtsmajor und spätere Kommandant des Heereskraftfahrparks 562 (HKP) im litauischen Wilna auf dem Bundeswehrgelände nun mit der Andrew-Carnegie-Lebensrettermedaille in Gold geehrt. Im vorigen Jahr waren damit auch schon der Industrielle Oskar Schindler und der jüdische KZ-Häftling Mietek Pemper bedacht worden. „Schindler, Pemper, Plagge“, erläuterte Andreas Huber, Präsident der Carnegie-Stiftung, diese drei Namen stünden dafür, „dass auch in der Nazi-Diktatur Menschlichkeit und Zivilcourage möglich gewesen sind“.

Karl Plagge als Vorbild für Angehörige der Bundeswehr stellte Generalmajor Treche in seiner Rede besonders in den Mittelpunkt. Die Bundeswehr habe Lehren aus den dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte gezogen. „Wir haben erkannt, dass bedingungsloser Gehorsam keine Leitlinie für Soldaten sein kann“, erläuterte er. Ein rechtswidriger Befehl dürfe laut heutigem Wehrstrafrecht nicht ausgeführt werden. „Und ein Befehl, der die Menschlichkeit verletzt, verstößt gegen das Grundgesetz.“

Vorbilder des Mutes und der Menschlichkeit zu ehren und sich dadurch ihrer zu erinnern, ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Das betonte Karin Wolff. „Damit wir von ihnen lernen und uns an ihnen orientieren können“, ergänzte die hessische Kultusministerin. Dies trage viel dazu bei, „dass sich Verbrechen wie die des Nationalsozialismus niemals wiederholen können.“

Wie wichtig auch der Stadt dieses Gedenken ist, stellte Sozialdezernent Jochen Partsch heraus. An Karl Plagge erinnere seit 2003 eine Gedenktafel vor dem Senatssaal der Technischen Universität und seit 2006 eine Büste auf dem Hof des Ludwig-Georgs-Gymnasiums, das der Sohn der Stadt als Bub besuchte. „Auch werden wir eine repräsentative Straße nach ihm benennen“, erläuterte Partsch. „Er ist Mahnung für unser Verhalten und Leben.“

Simon Malkes drückte es ganz einfach aus. „Für mich war Plagge ein Mensch“, befand der Mann, der Plagge als einziger im Saal leibhaftig erlebt hat. Denn er arbeitete mit seinem Vater als Autoelektriker im HKP. „Er war introvertiert, sprach mit niemandem“, erinnerte sich Malkes, der extra aus Paris angereist war. „Es hieß, er habe Angst vor Spitzeln der SS.“ Malkes kranke Mutter habe der Major dennoch höchst persönlich ins Spital gefahren.

„Für mich ein Beweis, dass er sein Leben für andere riskiert hat“, sagte der ehemalige Zwangsarbeiter, der dem Nazi-Regime mit seinen Eltern letztlich entkam. „Auch wenn Karl Plagge sich bis zum Ende immer auch schuldig gefühlt hat“, machte Malkes deutlich. „Ich glaube, dass er verdient hat, ein Beispiel für Menschlichkeit zu sein.“